Das Solinger Mahnmal

Auf dem Höhepunkt der Asyldebatte Anfang der 1990er Jahre, verübten am 29.05.1993 vier jugendliche Täter aus dem rechtsextremen Milieu einen mörderischen Brandanschlag auf die Familie Genç. Der fünffache Mordanschlag mit zahlreichen weiteren verletzten Opfern, wurde als „Solinger Brandanschlag“ oder „Mordanschlag von Solingen“ zum traurigsten und schlimmsten Kapitel der Solinger Nachkriegsgeschichte.

Kurz nach dem Anschlag initiierte und baute die Jugendhilfe-Werkstatt in Solingen das „Solinger Mahnmal“ am Mildred-Scheel-Berufskolleg. Bis heute erinnert es an die fünf Opfer, junge Frauen und Mädchen aus der Familie Genç. Zugleich wirbt es für Toleranz und Anerkennung und mahnt gegen Fremdenfeindlichkeit.

Ein Mahnmal mitten in der Stadt zu errichten, stieß nach dem Anschlag bei der Mehrheit im Solinger Stadtrat und in der Stadtverwaltung zunächst auf wenig Gegenliebe und kaum Unterstützung. So schnell wie möglich zur Tagesordnung zurückkehren und dem Brandanschlag nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken, war wohl der Tenor aus Angst um das Ansehen der Stadt. So war es schwierig, überhaupt einen Standort zu finden.

Durch Unterstützung des damaligen Rektors des Mildred-Scheel-Berufskolleg, Herrn Plümacher, konnte das Mahnmal auf dem Gelände der Schule an der Beethoven Straße errichtet werden: Die beim Anschlag ermordete 18-jährige Hatice Genç ging dort zur Schule.

Als Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement wurde das Mahnmal mit großer Unterstützung aus der Solinger Bürgerschaft errichtet. Unter großer Anteilnahme der Solinger Bevölkerung wurde es am 29.05.1994 anlässlich des ersten Gedenktags an den Brandanschlag eingeweiht. Über 10.000 Menschen reichten in einer Menschenkette die 5 Ringe der Opfer vom ehemaligen Standort des Hauses der Familie Genç an der Unteren Werner Straße bis zum Mahnmal an der Mildred Scheel Schule. Das Vorhaben der Stadt ein offizielles Denkmal zu errichten, kam zu diesem Zeitpunkt kaum voran.  

Das Mahnmal entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem wichtigen Bestandteil der Solinger Erinnerungskultur, das inzwischen von Stadtrat, Stadtverwaltung und den Bürgern gleichermaßen getragen wird und weit über die Grenzen von Solingen als das „Solinger Mahnmal“ bekannt ist.

Das Solinger Mahnmal ist eines der wenigen lebendigen Mahnmäler, an dem alle Menschen mitwirken können. Es ist noch lange nicht „vollendet“ und noch heute können Menschen ihre Anteilnahme mit ihrem eigenen Ring bezeugen, den sie in unserer Werkstatt mit ihrem Namen versehen.  Um etwa 150 bis 200 Ringe jährlich wächst auch 25 Jahre danach das Mahnmal kontinuierlich weiter. Vom Tag der Einweihung bis heute kamen etwa sechs- bis siebentausend Ringe zusammen.

Darüber finden immer wieder Aktionen am Mahnmal statt, sowie der jährliche Gedenktag am 29. Mai.

Auch in seinem gestalterischen Konzept reagiert das Solinger Mahnmal auf aktuelle Entwicklungen: Ursprünglich waren Ziel und Wunsch, dass die Figurengruppe mit dem zerstörten Hakenkreuz vollständig mit Ringen bedeckt sein soll, wenn es eines Tages keine Fremdenfeindlichkeit und keinen Rassismus mehr gäbe. Dass dies in absehbarer Zeit innerhalb weniger Generationen eintreten würde, ist aus heutiger Sicht leider eine Illusion.

Aufgrund der seit einigen Jahren wieder kontinuierlich zunehmenden Fremdenfeindlichkeit in unserem Land, beschlossen wir Anfang 2018, dass die Figuren mit dem zerstörten Hakenkreuz zur Mahnung weiterhin deutlich sichtbar bleiben sollen. Daher werden aktuell Ringe nur im unteren Bereich angeschweißt, während der obere Bereich frei bleibt.

Internetverweise zum Brandanschlag:

https://de.wikipedia.org/wiki/Mordanschlag_von_Solingen

“Und dann waren sie weg” – Solingen 25 Jahre nach dem Brandanschlag, WDR – Doku von Christina Zühlke: https://www.youtube.com/watch?v=wueMGBsvS9g

Download: Handreichung für Interessierte, potentielle Ringstiftende und Lehrer*innen